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Mein Tagebuch - Annika Schleu

 

Es folgt ein Auszug über die Berichterstattung von Annika Schleu über ihre Tage in Rio

Mein Tagebuch

 

"Tag 1: Anreise Olympisches Dorf

Wir Fünfkämpfer sind am Sonntag, vier Tage vor unserem Wettkampfbeginn im Olympischen Dorf angekommen. Der Tag der Anreise ist immer besonders spannend. Wo wohnen wir, wie sehen die Zimmer aus, was gibt es alles im Dorf und wie groß ist die Mensa wohl?

Aber wir waren dieses Mal ganz entspannt, weil für uns war es die zweite Anreise. Gut eine Woche vorher waren wir schon zur Eröffnungsfeier in Rio. Diesen Gänsehautmoment wollten wir uns nicht entgehen lassen.

Nun waren wir zum zweiten Mal da und unser Plan war es gleich am ersten Abend ins Leichtathletikstadion zu gehen, um Usain Bold über die 100m zu sehen. Ich muss sagen es hat sich gelohnt. Dieses Gefühl, wenn ein ganzes Stadion für einen Athleten schreit, unglaublich. Da haben mir seine Mitstreiter wirklich leidgetan.

 

 

Tag 2: Trainieren im Olympischen Dorf ist gar nicht so einfach

Meinen zweiten Tag im Olympischen Dorf begann ich mit einem Blick über die Anlage von unserem Balkon aus. Der Weg war gar nicht weit, wenn das Zimmer so klein ist, dass das Bett direkt vor der Balkontür stehen muss um überhaupt rein zu passen, ist man auch ganz schnell draußen. Aber wir Sportler sind ja nicht verwöhnt. Unsere Wohngemeinschaft bestand aus uns zwei Fünfkampf Frauen, den zwei Fünfkampf Männern, plus zwei Trainer.

Am Vormittag gingen wir ins Deutsche Haus, wirklich eine tolle Anlage gleich am Strand. Dort wurde das Mannschaftsfoto geschossen, was wir im Laufe der nächsten Tage in zweihundertfacher Ausführung nachhause schickten. Unser Dank an Sponsoren und Fans.

Am Nachmittag wollten wir dann eigentlich ein bisschen trainieren. Laufen ist ja bekanntlich nirgendwo ein Problem. Im Olympischen Dorf gab es eine 2,5km Runde, die haben wir 3 Mal absolviert, das reichte drei Tage vor dem Wettkampf. Nun wollten wir aber auch noch Schwimmen. Da sah es schon wieder ganz anders aus. Weil in dem Trainingspool der Schwimmer dürfen wir Fünfkämpfer natürlich nicht schwimmen. So fanden wir uns letztendlich im Freizeitpool zwischen den sonnenbadenden Sportlern wieder, die ihren Wettkampf schon absolviert hatten.

 

 

Tag 3 & 4: Der Countdown läuft:

Nun ging es schon mit schnellen Schritten Richtung Wettkampf. Die Zeit im Olympischen Dorf fliegt immer an einem vorbei. Es gibt so viel zu sehen, dass man einfach für alles sehr viel Zeit braucht. So dauert ein schnelles Frühstück in der riesengroßen Mensa schon mal gut und gerne eine Stunde.

Am Dienstag wollten wir noch mal etwas konzentrierter trainieren und fuhren an unsere Wettkampfstätte. Ganz neu war sie für uns nicht, da wir schon im März einen Testweltcup an dieser Stelle hatten. Aber trotzdem sah es mit den riesigen Tribünen alles sehr viel imposanter und größer aus. Langsam kam das Wettkampfgefühl bei mir auf und vor Vorfreude und Anspannung kribbelte mein Körper.

Etwas ernüchtert war ich, als ich in unser Wettkampf Schwimmbecken sprang und sich das richtige Gefühl für das Wasser auch nach 1500m schwimmen nicht einstellen wollte. Aber am Freitag ist ein neuer Tag und dann kann schon wieder alles anders sein, dachte ich mir. Nun mussten nur noch die Fechtsachen und die Waffe durch den Materialcheck und alles ist Vorbereitet für die zwei wichtigsten Tage der letzten vier Jahre.

Der Tag vor unserem Wettkampfstart, gestaltete sich ganz entspannt. Ich habe mir bewusst vorgenommen den Tag noch mal in aller Ruhe zu genießen. Mich ein bisschen zu bewegen und ansonsten die deutschen Sportler vor dem Fernseher anzufeuern.

 

 

Wettkampftag 1:

Unser Wettkampf ist bei den Olympischen Spielen auf zwei Tage aufgeteilt. Am ersten Tag wird gefochten und der Rest wird am zweiten Tag absolviert. Eine Disziplin, zu vier Disziplinen. Man sollte meinen der erste Tag wäre ganz entspannt. Aber nicht für mich! Fechten ist meine Wackeldisziplin, da kann sich ein super Wettkampf ankündigen, es kann ganz okay laufen, aber es kann auch total in die Hose gehen und die Chancen auf eine gute Platzierung können in weite Ferne rücken. Dementsprechend angespannt ging ich in diesen Tag.

Am Ende konnte ich mit einem ausgeglichenen Ergebnis, mit 17 Siegen zu 18 Niederlagen aus dem Fechtwettkampf gehen und ich wusste, dass war jetzt nicht der ganz große Wurf, aber alles ist offen. Ein paar kurze Interviews später (für uns Randsportler etwas ganz Außergewöhnliches) saß ich schon wieder im Bus zurück ins Olympische Dorf und wusste, dass nun ein freier Nachmittag vor mir liegt, bevor ich am nächsten Tag wieder voll angreifen würde.

Ein bisschen mitgezittert habe ich an dem Tag dann doch noch, weil mein Freund, Christian Zillekens, bei den Männern an den Start gegangen ist und diese hatten ihren Fechtwettkampf am Nachmittag.

 

 

Wettkampftag 2:

Dieser Tag ging für uns ungewöhnlich spät, erst gegen Mittag, mit dem Schwimmen los. Nachdem ich mein Schwimmgefühl beim Training in dem Wettkampfbecken leider gar nicht gefunden habe, war ich, trotz super Vorbereitung und schnellen Trainingszeiten, etwas verunsichert. Gar kein gutes Zeichen, das wusste ich schon vorher. Leider hat sich mein Gefühl dann auch im Wettkampf bestätigt. Obwohl ich alles gegeben hatte bin ich nicht annähernd an meine Bestzeit ran geschwommen. Sowas ist natürlich immer eine große Enttäuschung und kein guter Start in den Tag. Aber im Fünfkampf heißt es nie aufgeben und immer weiterkämpfen.

Und es hat sich gelohnt. Mit meinem Pferd Catharina bin ich super zurechtgekommen. Wie wir Fünfkämpfer es gewöhnt sind, werden die Pferde zugelost und wir habe 20 Minuten und fünf Sprünge Zeit uns aneinander zu gewöhnen. Das ist immer sehr aufregend. Aber zwischen uns hat es gepasst. Die Stute hatte richtig Lust zu springen und ist manchmal so schnell in Richtung Sprung gezogen, dass ich sie kaum halten konnte. Am Ende wurden wir beide mit einer schnellen Zeit und nur einem Abwurf belohnt.

Vor der abschließenden Disziplin, dem Combind, einer Kombination aus vier Mal 800m Laufen und Schießen, lag ich auf dem 19. Rang. Das hört sich jetzt erst mal nicht so gut an, aber ich wusste, dass meine stärkste Disziplin kommt. Ich hatte in der Saison im Combind schon oft viele Plätze gut gemacht und wusste, dass ich in guter Laufform bin. Aber wie haben sich die anderen auf die Olympischen Spiele vorbereitet, wie schnell werden sie sein? Ich wusste nicht genau was ich noch erreichen konnte, jedoch habe ich mir einen Top Ten Platz von Anfang an vorgenommen und dafür wollte ich kämpfen. Besonders beeindruckt hat mich, dass eine Weißrussin (eine der besten Combinderinnen im Fünfkampf) nach dem Reiten zu mir meinte „Annika, jetzt musst du noch auf eine Medaille laufen, ich liege zu weit hinten, aber du kannst es schaffen!“ Soweit hatte ich überhaupt nicht gedacht, aber es ist ein tolles Gefühl, wenn jemand einem so viel zutraut.

Die Atmosphäre beim Laufen und Schießen war atemberaubend. Das Stadion war gut besucht und immer wieder habe ich deutsche Anfeuerungsrufe gehört. Das hat mich beflügelt. Schon nach der Hälfte des Rennens konnte ich erahnen, dass es mich sehr weit nach vorne trägt. Und auf der letzten Runde wusste ich, dass ich auf jeden Fall unter den ersten acht bin. Auch wenn ich die Zurufe meiner Trainerin irgendwie falsch verstanden habe und im Ziel erst mal allen erzählt habe, dass ich sechste geworden wäre, wurde ich FÜNFTE!!!

Von NEUNZEHN auf FÜNF bei den Olympischen Spielen, das war ein großartiges Gefühl. Eine Ehrenrunde durch das Stadion mit allen Athleten zusammen und dem Wissen, ich habe das geschafft, was ich mir vorgenommen habe. Für solche Momente trainiert jeder Sportler. Für solche Momente nimmt man Schmerzen und Verzicht in Kauf, weil glaubt mir es ist unbeschreiblich.

Nicht mal die Stunde bei der Dopingkontrolle konnte meine gute Laune an diesem Abend trüben. Und auch die Frage, ob ich Enttäuscht sei nicht noch auf den dritten Platz gelaufen zu sein, konnte ich mit einem klaren NEIN beantworten. Klar, wenn ich im Nachhinein weiß es waren nur einige Sekunden und es wäre möglich gewesen an diesem Tag. Ein bisschen besser im Fechten, etwas Schneller im Schwimmen und vielleicht Fehlerfrei im Reiten, was wäre dann... aber in dem Moment wusste ich, ich habe alles gegeben und daher war ich zufrieden.

Für uns ging es am Abend ins Deutsche Haus, ein bisschen mit den anderen Athleten feiern (die Hockey Frauen hatten an diesem Tag Bronze geholt) und dann einfach abschalten und die Zeit genießen."